#Tulpenliebe

Tulpe
tulip
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tulipano
tulipá

Der Frühling ist die Saison für Frühblüher in allen Formen und Farben- egal ob Narzissen, Tulpen oder Hyazinthen. Draußen herrschen noch Kälte und Dunkelheit, doch in den Wohnungen und Häusern werden diese mit frischen Farben und Blumenduft vertrieben. Und so hat ein jeder seinen persönlichen Liebling unter den Frühblühern. Bei mir sind es die Tulpen!

Warum gerade Tulpen?

Tulpen vereinen für mich Schönheit, Eleganz und Zartheit in einem. Sie haben einen grazilen Blütenkopf, der von Sorte zu Sorte unterschiedlich architektonisch schön ist ( so man diesen Begriff überhaupt im Zusammenhang mit Blumen verwendet ). Die Blütenblätter sind stark ausgeprägt und doch weich, wenn man einzeln darüber streicht. Es ist eine wundervolle Mischung verschiedener Komponenten, die mich visuell an Tulpen faszinieren. Das ist zumindest die für jeden äußerlich erklärbare Liebe.

Es gibt aber auch eine emotionale Verbundenheit zu Tulpen, die während meiner Studienzeit entstanden ist. Ich war für mehrere Monate in Indien, um ein freiwilliges Auslandspraktikum zu absolvieren. Mein Arbeitsort war eine NGO, die sich mit den unterschiedlichsten Hilfsangeboten um misshandelte und traumatisierte Mädchen und Frauen in den Slums der Stadt kümmerte. Dort arbeitete eine junge Frau, namens Prehma, die zu der höheren Kaste der Brahmanen anzurechnen ist. Auch wenn das Kastensystem offiziell durch die Verfassung 1949 abgeschafft wurde, so bestimmt es doch bis heute das soziale Leben in Indien. Prehma war Mitte 20, zu dem Zeitpunkt noch unverheiratet und sehr schüchtern. Das lag u.a. vielleicht an der großen vernarbten rechten Gesichtshälfte, die sie aufgrund einer Operation hatte. Aber das kann ich nur vermuten, denn offen darüber gesprochen haben wir nie.Während meines Praktikums verbrachten wir beide viel Zeit miteinander, ich lernte die indische Kultur von einer anderen Seite kennen und Dank der vielen Erklärungen von Prehma auch besser verstehen, was weiß Gott keine leichte Aufgabe ist. Ich bekam eine Einladung zu ihrer Familie, denn das Fest der Farben (Holi genannt) stand vor der Tür und somit die farbenfrohe Begrüßung des Frühlings. Aus meinem deutschen kulturellen Traditionsdenken heraus, begab ich mich auf die Suche nach einem Blumenladen, denn ich wollte als kleine Aufmerksamkeit Prehma einen Blumenstrauß schenken. Einen Blumenladen in Indien zu finden, gleicht der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen, zumindest befinden sie sich nicht an jeder Ecke. Ich hatte eine niederländische Mitbewohnerin, die ein Praktikum in einem Luxushotel machte und so kam ich dann doch zu meinen Blumenstrauß. Es war ein kleiner bunter Frühlingsstrauß, nichts aufwändiges oder außergewöhnliches-zumindest dachte ich das bis dahin. Bei den Eltern angekommen, wurde ich freundlich in Empfang genommen und überreichte Prehma meinen Blumenstrauß. Es folgte zuerst etwas Schweigen, das wechselte in eine schüchterne Verlegenheit und irgendwann die Frage, ob das in Deutschland typisch ist, dass man Blumen mitbringt. Das wäre in Indien nämlich nicht so. Es folgte eine kurze Irritation meinerseits, weil ich diese Reaktion nicht erwartet hatte. Ich erklärte ihr dann, dass das bei uns eine liebe Geste ist und das ich hoffe, dass ich ihr nicht unwissender weise vor den Kopf gestoßen habe. Das verneinte sie und lächelte. Dann fiel ihr Blick ein zweites Mal auf die Blumen in ihrer Hand und winzige Tränen liefen über ihr Gesicht. Es waren Freudentränen, wie sie mir dann erklärte, denn in diesem Strauß war eine Tulpe und Tulpen sind ihre Lieblingsblumen, obwohl sie sie bisher nur von Bildern kannte. Und so lächelten wir beide in diesem Moment…..

Als ich Monate später wieder in Deutschland war, entwickelte sich zwischen uns beiden eine Brieffreundschaft, denn das digitale Zeitalter war noch nicht so fortgeschritten wie es jetzt der Fall ist. Im Frühjahr begann bei uns die Tulpenzeit und somit meine Zeit, wöchentlich Tulpen zu kaufen und zu fotografieren, die Fotos auf Papier drucken zu lassen und Prehma zu schicken. Das ging viele Jahre so, bis sie umgezogen war (vermutlich aufgrund einer Hochzeit, aber das kann ich nur vermuten) und die Zuverlässigkeit der indischen Post unserer Brieffreundschaft ein Ende setzte.

Der Moment mit dem Blumenstrauß ist mittlerweile über 15 Jahre her und auch wenn wir uns leider aus den Augen verloren haben, so fotografiere ich dennoch weiterhin jedes Frühjahr bunte Tulpen für sie, sehe dabei dieses verlegene junge Mädchen mit den Freudentränen vor mir stehen und lächle.

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